Ästhetische Zielsetzung
der innere Schauplatz

 

 

Die Welt der Bilder ist in der gegenwärtigen Kultursituation ein zentrales Thema. Die DokumentaX nahm hierzu Stellung und fragte nach dem Wert von Bildern und den bildenden Künsten im Zeitalter der globalen Kommunikation und virtuellen Realitäten.

Befaßt man sich eingehender mit dieser Thematik, so können vor allem zwei Tendenzen beobachtet werden: Während auf der einen Seite virtuelle Realitäten die Welt in atemberaubendem Tempo erobern, verbreiten sich auf der anderen Seite depressive Krankheitsbilder in epidemieartigem Ausmaß. Viele Menschen sind nicht mehr in der Lage Zukunftsvisionen für sich, oder für größere gesellschaftliche Zusammenhänge zu entwerfen. Auf dem inneren Schauplatz dieser Menschen herrscht Chaos, das nur noch durch Reize von außen strukturiert werden kann, oder eine unerträgliche Leere, die sie zu betäuben versuchen. Psychologen reagieren auf diese Situation zunehmend mit neuen Therapieformen. An die Stelle klassischer Methoden tritt die Arbeit mit inneren Bildern in Form von Phantasiereisen, Wertimaginationen oder Paradigmawechseln.

Die skizzierte Situation berührt auch die Kunst. Heiner Müller konstatierte 1994 in einem Interview mit Frank Raddatz, daß die Dramen deutschsprachiger Gegenwartsautoren nur noch Oberflächenvorgänge beschreiben würden. Hinter der dramatischen Folie gäbe es keine Geheimnisse, keine Visionen mehr zu entdecken, wie etwa bei Goethe oder Shakespeare. Die Substanz sei verbraucht. Das Einzige, was in Deutschland gegenwärtig noch einen Wert besäße, sei die D-Mark. Es gäbe nur noch Märkte und dies verursache eine ungeheure Leere. Es stelle sich die Frage, ob der Mensch diese Leere aushalten würde. Die Menschheit bräuchte ein neues "Wozu". Wenn das nicht gefunden würde, breiteten sich die jugoslawischen Verhältnisse über Europa aus, denn das ganze Balkanmassaker war in den Augen von Heiner Müller ein Sinnkrieg. Wie viele Medienkritiker führte Müller das Verschwinden von geistigen Reserven und die Zunahme von Aggressionen auf die Verbreitung von virtuellen Realitäten zurück.

Zu ähnlichen Überlegungen gelangt der Theaterleiter Roberto Chiulli, der beim Schauspieler die Authentizität vermißt und daher neue Wege zu beschreiten versucht, indem er ihm die Funktion des Autors zuweist.

Will eine Gesellschaft ihre Substanz, ihren Kulturgeist lebendig erhalten und nicht der inneren Leere preisgeben, so muß diese Kultur und insbesondere ihre Techniken unermüdlich neu erfunden werden.

Eine dieser Kulturtechniken ist die Arbeit mit dem inneren Schauplatz. Hier fand für viele bedeutende Künstler (J. W. Goethe, Luigi Pirandello, Eugène Ionesco, Samuel Beckett u. a.) der eigentliche künstlerische Prozeß statt. Diese Technik gilt es neu zu entdecken.

Seit mehreren Jahren verfolgen wir einen Ansatz, der für die Kultivierung des inneren Schauplatzes dienlich ist. Es handelt sich um die Schauspielmethodik von Michael Tschechow, in der die Arbeit mit inneren Bildern und Imaginationen eine zentrale Rolle spielt. Michael Tschechow, Neffe des Dichters Anton Tschechow, war einer der bedeutendsten Schauspieler des Moskauer Künstlertheaters und arbeitete fast sechzehn Jahre zusammen mit Konstantin Stanislawski. Nach seiner Emigration aus Rußland spielte er unter der Regie von Max Reinhard und siedelte später nach Amerika über, wo er am Broadway und in Hollywood als Schauspieler und Lehrer arbeitete. Zu seinen Schülern zählten Anthony Quinn, Marilyn Monroe, Yul Brunner u. a.. Während all dieser Jahre entwickelte Tschechow sein schauspielmethodisches Werk, das für längere Zeit nur von wenigen Kollegen zur Kenntnis genommen wurde. Seit dem Fall des Eisernen Vorhanges und der Öffnung der Moskauer Archive, befassen sich weltweit immer mehr Theatermacher mit Tschechow. Das theaterforum kreuzberg veranstaltete 1992 unter der Leitung von Jörg Andrees und Jobst Langhans die 1. Internationale Michael Tschechow Tagung (IMTT) und 1995 den 4. Michael-Chekhov-International-Workshop (MCIW).

Will der Schauspieler mit inneren Bildern und Imaginationen im Sinne dieser Technik arbeiten, so muß er seine Konzentrationskraft und die Fähigkeit des bildhaften Denkens steigern. Ziel dieses Trainings ist, daß der Schauspieler den Charakter den er spielen soll, vor dem inneren Auge aufbauen und beobachten kann, bis dieser eine Art Eigenleben entwickelt. Ist dieser Punkt erreicht, entsteht zwischen dem Schauspieler und dem Charakter ein innerer Dialog. Auf diese Weise erfährt der Schauspieler Dinge über seinen Charakter, die verblüffend und unerwartet sind; die man sich nicht ausdenken, sondern nur durch die Imagination erfahren kann. Diese Arbeitsweise setzt eine genaue Beobachtungsfähigkeit und eine exakte Phantasie voraus.

Kunstwerke, die auf dem inneren Schauplatz entstanden und nicht das Ergebnis kühner Konstruktionen oder selbstherrlicher Phantastereien sind, entfalteten schon immer poetische Bilder von ungewöhnlicher Kraft und Tiefe. Die Arbeit mit dem inneren Schauplatz wirkt auf den ersten Blick sehr freiheitlich, aber diese Freiheit ist eine "bittere" Freiheit. Sie geht durch schmerzhafte Selbsterkenntnisprozesse.

Der skizzierte Gedankengang ist nicht als ein Credo gegen virtuelle Realitäten aufzufassen. Vielmehr geht es darum, eine Position zu bestimmen, die ein Gegengewicht zu virtuellen Realitäten bildet. Erst in dem polaren Spannungsfeld zwischen virtuellen Realitäten und dem inneren Schauplatz kann eine Steigerung und somit ein wirklicher kultureller Fortschritt erfolgen. Die Kultivierung des inneren Schauplatzes ist der Kernprozeß der künstlerischen Arbeit der WERKBÜHNE BERLIN.

Auf dem Spielplan stehen vor allem Werke von Autoren, die Konflikte und Vorgänge auf dem inneren Schauplatz beobachteten und dramatisch bearbeitetet haben; Werke von Pirandello, Barlach, Picasso, Weiss, Ionesco, Beckett, Gombrovics u. a.. Neben der Auseinandersetzung mit literarischen Vorlagen, wird das Ensemble, wie in verschiedenen Zusammenhängen bereits mit unterschiedlichem Erfolg geschehen, selbst Stücke entwickeln, die auf die skizzierte Weise entstehen.


Jobst Langhans - Mai 1998

 

 

WERKBÜHNE BERLIN